Grundwissen · Neue Produkte
Kirsche, Apfel, Gummis, Shots: Kratom im bunten Gewand
Aromatisiertes Kratom mit Fruchtgeschmack – Kirsche, Apfel –, dazu Gummis, Bonbons, Streifen und Shots: Warum gerade diese Formen in Österreich das LMSVG-Verbot ausgelöst haben, was die FDA über 7-OH-Produkte sagt und warum Geschmack ein Warnsignal sein kann.
Redaktion KratomblattStand: 8 Quellen
Ein Blatt, das bitter schmeckt, wird zur Süßigkeit. Kratom gibt es heute nicht nur als grünes Pulver, sondern mit Kirsch- oder Apfelaroma, als Fruchtgummi, als Streifen, der auf der Zunge zergeht, und als Shot im Fläschchen. Für Österreich ist diese Entwicklung kein Randthema – sie steht am Anfang des neuen Verbots.
Wie die Fruchtgummis ins Gesetz kamen
Als das Gesundheitsministerium heuer die Novelle des Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetzes vorlegte, begründete es den neuen § 5 Abs. 1 Z 4 in den Erläuterungen mit einem konkreten Bild. Psychoaktive Stoffe, die nicht unter das Suchtmittelgesetz fallen, würden
„immer wieder in Lebensmitteln wie beispielsweise Fruchtgummis“
eingesetzt. Weil sie kein Suchtmittel sind, habe es in der Praxis Zuständigkeitsprobleme gegeben. Das neue Verbot im Lebensmittelrecht soll den Behörden ermöglichen, Maßnahmen anzuordnen. Seit 1. September 2026 dürfen Lebensmittel, die psychoaktive Stoffe mit nicht herkömmlicher Verwendung enthalten, nicht mehr in Verkehr gebracht werden; das Ministerium nannte Kratom dabei ausdrücklich.
Die Logik ist einfach: Ein Gummibärchen ist ein Lebensmittel, ein Getränk ist ein Lebensmittel. Wo Kratom in solcher Form angeboten wird, greift das Verbot ohne Auslegungsfrage. Die schwierigere Frage nach Pulvern, die als „Sammlerstück“ verkauft werden, behandelt der Beitrag Das LMSVG-Verbot.
Kratom mit Fruchtgeschmack: Kirsche, Apfel & Co.
Nach Kratom mit Kirsch- oder Apfelgeschmack wird im Netz gezielt gesucht, und entsprechende Produkte werden angeboten. Ein Aroma ändert am Wirkstoff nichts. Es ändert aber, wie ein Produkt wahrgenommen wird:
- Der bittere Eigengeschmack wird überdeckt. Man merkt nicht mehr, dass man ein Pflanzenpulver mit Alkaloiden zu sich nimmt.
- Das Produkt wirkt harmlos. Was nach Kirsche schmeckt, erinnert an Limonade, nicht an einen Stoff, der am Opioidrezeptor ansetzt.
- Es wird für Kinder interessant. Eine Studie (White et al. 2025) untersuchte 51 Produkte mit dem Kratom-Abkömmling Mitragynin-Pseudoindoxyl: 69 % hatten Aromen, die Kinder ansprechen. Nur auf 18 % der Verkaufsseiten stand, dass die Produkte Opioidrezeptoren stimulieren.
Geschmack ist also kein Nebenaspekt. In Österreich gilt für alle diese Produkte: Als Lebensmittel sind sie nicht verkehrsfähig.
Gummis, Bonbons, Streifen (Strips) und Shot: die neuen Formen
Gummis und Bonbons
Die Form, die das Gesetz ausgelöst hat. Gummis und Bonbons sind Lebensmittel; Kratom darin ist in Österreich seit September verboten. Die US-Arzneimittelbehörde FDA nennt Gummis außerdem unter den Formen, in denen konzentriertes 7-Hydroxymitragynin verkauft wird.
Streifen
Dünne Streifen, die auf der Zunge zergehen, sind eine der neueren Formen. Belastbare Daten zu Gehalt und Sicherheit solcher Kratom-Streifen im europäischen Handel haben wir nicht gefunden. Rechtlich gilt: Was man sich auf die Zunge legt, um es aufzunehmen, spricht eher für ein Lebensmittel als dagegen.
Shot
Ein Shot ist ein kleines Fläschchen mit Flüssigkeit. Die FDA zählt Shots ausdrücklich zu den typischen 7-OH-Produkten – neben Tabletten, Gummis, Eistüten und Vapes.
Mehr als Geschmack: Was in aromatisierten Produkten stecken kann
Das eigentliche Risiko der neuen Formen ist oft nicht das Aroma, sondern der Inhalt. Im natürlichen Blatt macht 7-Hydroxymitragynin weniger als 2 Prozent der Alkaloide aus. In vielen neuen Produkten ist es angereichert:
- Laut FDA entsteht der erhöhte 7-OH-Gehalt „wahrscheinlich“ synthetisch, durch chemische Umwandlung von Mitragynin oder Extrakten. Eine direkte Gewinnung aus dem Blatt wäre wirtschaftlich nicht machbar, weil es nur Spuren enthält.
- Eine Auswertung von 304 halbsynthetischen Produkten (Hill et al. 2025) fand in 82,2 % nur 7-OH, in 14,5 % 7-OH plus Mitragynin-Pseudoindoxyl, in 3,3 % nur Pseudoindoxyl. Im frischen Blatt waren beide Stoffe nicht nachweisbar.
- 7-OH wirkt laut FDA deutlich stärker am μ-Opioidrezeptor als Mitragynin und Morphin, dämpft im Tierversuch die Atmung mehr als dreimal so stark wie Morphin und macht körperlich abhängig.
Die FDA hat 2025 empfohlen, konzentrierte 7-OH-Produkte in den USA zu verbieten – ausdrücklich nicht das natürliche Blatt. Mehr zum Stand in den USA und in Europa: 7-OH.
Woran man solche Produkte erkennt
- Angaben wie „7-OH“, „Extrakt“, „x-fach“ oder Milligramm-Angaben pro Stück
- auffällige Farben, Fruchtnamen, Comic-Optik
- Darreichung als Süßigkeit, Getränk, Streifen oder Shot
- fehlender Laborbefund zur Charge
Ein Laborbefund mit 7-OH-Gehalt ist der einzige Weg zu wissen, was drin ist. Wie man ihn liest: Laborbefund richtig lesen. Die klassischen Formen – Pulver, Tabletten, Extrakt – vergleicht der Beitrag Pulver, Tabletten, Extrakt, Gummies.
Wenn ein Kind etwas erwischt hat
Fruchtgummis und Bonbons sehen aus wie Süßigkeiten. Hat ein Kind ein Kratom-Produkt gegessen: sofort die Vergiftungsinformationszentrale 01 406 43 43 anrufen (0–24 Uhr), bei Atemproblemen, Schläfrigkeit oder Krampfanfall die Rettung 144. Verpackung mitnehmen. Mehr unter Überdosis und Notfall.
Häufige Fragen
Gibt es Kratom mit Fruchtgeschmack, etwa Kirsche oder Apfel?
Ja, im Handel werden aromatisierte Kratomprodukte mit Fruchtaromen angeboten. Ein Aroma ändert nichts am Wirkstoff, kann aber den bitteren Geschmack überdecken – und damit ein Signal, dass man etwas Ungewöhnliches zu sich nimmt. Als Lebensmittel dürfen solche Produkte in Österreich seit 1. September 2026 nicht in Verkehr gebracht werden.
Sind Kratom-Gummis in Österreich erlaubt?
Nein. Fruchtgummis sind Lebensmittel, und Lebensmittel mit nicht herkömmlichen psychoaktiven Stoffen sind seit 1. September 2026 verboten (§ 5 Abs. 1 Z 4 LMSVG). Die Erläuterungen zur Novelle nennen Fruchtgummis ausdrücklich als Beispiel, das zum Verbot geführt hat.
Was sind Kratom-Streifen (Strips)?
Unter diesem Namen werden dünne, im Mund zerfallende Streifen angeboten. Geprüfte Daten zu Gehalt, Herkunft oder Sicherheit solcher Streifen im europäischen Handel haben wir nicht gefunden. Wer sie im Mund zergehen lässt, nimmt sie zu sich – rechtlich spricht das für ein Lebensmittel.
Was ist ein Kratom-Shot?
Ein Shot ist ein kleines Fläschchen mit konzentrierter Flüssigkeit. Die US-Arzneimittelbehörde FDA nennt Shots ausdrücklich unter den Formen, in denen konzentriertes 7-Hydroxymitragynin verkauft wird – ein Stoff mit deutlich stärkerer Opioid-Wirkung als das Blatt.
Quellen
- Regierungsvorlage 518 d.B. – Erläuterungen
- Regierungsvorlage 518 d.B. – Gesetzestext
- FDA: 7-OH Assessment (7/2025)
- FDA Press Announcement, 29. 7. 2025
- Smith et al., Addiction 2025 (PMID 39627873)
- White et al., Subst Use Misuse 2025 (PMID 40568898)
- Hill et al., Drug Alcohol Depend 2025 (PMC12138786)
- College van Beroep voor het bedrijfsleven, 24. 6. 2025, ECLI:NL:CBB:2025:340