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Gesundheit · Notfall

Überdosis und Notfall: Wenn Kratom gefährlich wird

Kratom-Überdosis und Überdosierung: welche Symptome Fallberichte beschreiben, ob Kratom tödlich sein kann, warum Mischkonsum so gefährlich ist – und was im Notfall in Österreich zu tun ist: Rettung 144, Vergiftungsinformation 01 406 43 43.

Redaktion KratomblattStand: 9 Quellen

Altes Telefon und Erste-Hilfe-Koffer mit rotem Kreuz
Altes Telefon und Erste-Hilfe-Koffer mit rotem Kreuz · Aquarell: Kratomblatt

Im Notfall zuerst anrufen, dann lesen. Atemnot, Bewusstlosigkeit, Krampfanfall: Rettung 144. Verdacht auf Vergiftung: Vergiftungsinformationszentrale 01 406 43 43, 0–24 Uhr.

Ende September wurde in Tirol öffentlich, was vorher nur in Fachzeitschriften stand: Ein 22-Jähriger erlitt in Innsbruck nach dem Konsum von „Kratomtee“ einen Herzstillstand. Der Fall hat die Debatte über Kratom in Österreich verändert. Was über Überdosierungen bekannt ist – und was nicht.

Überdosierung: Symptome aus den Fallberichten

Systematische Studien zu Kratom-Vergiftungen gibt es kaum. Was bekannt ist, stammt aus Fallberichten, also aus einzelnen Patientinnen und Patienten, die in Kliniken oder Gerichtsmedizinen dokumentiert wurden. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat diese Berichte 2025 zusammengefasst. Beschrieben werden:

  • Herz: Herzrhythmusstörungen
  • Nervensystem: Krampfanfälle, Verwirrtheit, Halluzinationen, Hirnödem
  • Organe: Leber- und Nierenschäden bis zum Multiorganversagen, Lungenödem
  • Muskeln: Rhabdomyolyse, also ein Zerfall von Muskelgewebe

Hinzu kommt der Wirkmechanismus: Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin wirken als Teilagonisten am μ-Opioidrezeptor – derselben Andockstelle, über die Opioide die Atmung dämpfen. Für das 7-OH beschreibt die US-Arzneimittelbehörde FDA in Tierversuchen eine mehr als dreimal stärkere Atemdämpfung als bei Morphin. Das betrifft vor allem konzentrierte 7-OH-Produkte, mehr dazu im Beitrag 7-OH.

Ist Kratom tödlich?

Die kurze Antwort: Todesfälle sind dokumentiert, aber selten ist Kratom allein beteiligt.

Deutschland: Der erste Todesfall nach Kratom wurde 2024 in der Fachzeitschrift Rechtsmedizin beschrieben, berichtet das BfR.

USA: Die Gesundheitsbehörde CDC wertete 27.338 Todesfälle durch Überdosis aus 27 Bundesstaaten (Juli 2016 bis Dezember 2017) aus. 152 davon waren Kratom-positiv, bei 91 wurde Kratom als Ursache genannt – aber nur bei sieben war Kratom die einzige gefundene Substanz.

WHO: Mitragynin sei in einer Reihe von Todesfällen nachgewiesen worden, „fast alle“ hätten aber auch andere Substanzen betroffen. Der Anteil von Kratom sei deshalb unklar.

Keine sichere Grenze

Eine gerichtsmedizinische Auswertung aus Nevada (35 Todesfälle, 2015–2020) zeigt, warum sich keine „gefährliche Menge“ angeben lässt: Bei Todesfällen durch Vergiftung lag Mitragynin im Blut zwischen 8,7 und 1.800 ng/ml, bei Todesfällen aus anderer Ursache zwischen 110 und 980 ng/ml. Die Bereiche überlappen. Eine sichere und eine tödliche Grenze lassen sich daraus nicht ableiten.

Hinzu kommt, dass der Wirkstoffgehalt von Kratom stark schwankt – in thailändischen Blättern je nach Erntezeit zwischen 0,35 und 3,46 Prozent Mitragynin. Dieselbe Menge Pulver kann also sehr unterschiedlich viel Wirkstoff enthalten.

Wie gefährlich ist der Mischkonsum?

Hier liegt das größte Risiko. In der CDC-Auswertung fanden sich neben Kratom am häufigsten:

Substanz Anteil der Todesfälle mit Kratom
Fentanyl und Analoga 65,1 %
Heroin 32,9 %
Benzodiazepine 22,4 %
verschreibungspflichtige Opioide 19,7 %
Kokain 18,4 %

Die Verbraucherzentrale warnt außerdem vor Alkohol: Er verstärkt die dämpfende Wirkung bis zur Atemnot. Und Mitragynin hemmt das Leberenzym CYP3A, über das viele Medikamente abgebaut werden – sie können dadurch stärker wirken als gedacht. Details unter Wechselwirkungen.

Ein weiterer Faktor ist die Zeit: Mitragynin wird langsam abgebaut, die Halbwertszeit liegt in Studien bei rund einem Tag. Mehr dazu im Beitrag Wie lange wirkt Kratom?

Notfall: Was tun in Österreich?

1. Lebensgefahr erkennen. Atemnot oder sehr langsame Atmung, Bewusstlosigkeit, Krampfanfall, starkes Herzstolpern oder Verwirrtheit: sofort die Rettung 144 rufen. Die betroffene Person nicht allein lassen.

2. Vergiftung ohne akute Lebensgefahr. Die Vergiftungsinformationszentrale (VIZ) in Wien berät rund um die Uhr unter 01 406 43 43 – ausdrücklich auch zu Sucht- und Genussmitteln. Sie fragt: Was wurde genommen, wie viel, wann? Wie alt ist die Person, wie schwer?

3. Verpackung aufheben. Packung, Etikett oder Reste helfen der VIZ und dem Spital bei der Einschätzung – auch bei Produkten mit Fantasienamen oder ohne Inhaltsangabe.

4. Ehrlich sein. Wer dem Rettungsteam sagt, was genommen wurde – auch Alkohol, Medikamente oder andere Substanzen –, ermöglicht die richtige Behandlung. Kratom ist in Österreich kein Suchtgift.

Nach dem Notfall

Wer merkt, dass er oder sie den Konsum nicht mehr steuern kann, findet Hilfe: Gesundheitsnummer 1450, Telefonseelsorge 142, in Wien das 24-Stunden-Krisentelefon der Suchthilfe 01 4000-53799. Alle geprüften Nummern stehen unter Hilfe und Beratung; was über Abhängigkeit bekannt ist, unter Abhängigkeit und Entzug.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Dosierungsangaben machen wir bewusst nicht: Kratom ist nicht zugelassen, sein Wirkstoffgehalt schwankt, und eine sichere Menge ist nicht bekannt.

Häufige Fragen

Was sind die Symptome einer Kratom-Überdosierung?

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung fasst Fallberichte zusammen: Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen, Verwirrtheit, Halluzinationen, Leber- und Nierenschäden bis zum Multiorganversagen, Zerfall von Muskelgewebe sowie Lungen- und Hirnödeme. Bei Atemnot, Bewusstlosigkeit oder Krampfanfall: sofort Rettung 144.

Ist Kratom tödlich?

Todesfälle mit Kratom sind beschrieben, in Deutschland erstmals 2024. Die WHO hält fest, dass fast alle Todesfälle mit Mitragynin-Nachweis weitere Substanzen betrafen. In einer US-Auswertung war Kratom bei 7 von 152 Fällen die einzige gefundene Substanz. Eine Konzentration, ab der Kratom sicher oder tödlich ist, lässt sich nach den Daten aus Nevada nicht angeben.

Wen rufe ich bei einer Kratom-Vergiftung in Österreich an?

Bei Lebensgefahr die Rettung 144. Bei Verdacht auf Vergiftung die Vergiftungsinformationszentrale (VIZ) unter 01 406 43 43, rund um die Uhr. Die VIZ fragt nach: was, wie viel, wann, Alter und Gewicht.

Wie gefährlich ist Kratom mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln?

Besonders gefährlich. Alkohol verstärkt die dämpfende Wirkung bis zur Atemnot, warnt die Verbraucherzentrale. In der US-Auswertung der CDC fanden sich bei Todesfällen mit Kratom in 22,4 % der Fälle auch Benzodiazepine, in 65,1 % Fentanyl oder verwandte Stoffe.

Quellen

  1. BfR Mitteilung 032/2025, 4. 9. 2025
  2. CDC MMWR 68(14), 12. 4. 2019
  3. WHO 44th ECDD, Annex 1 (2021)
  4. Am J Forensic Med Pathol 2021 – Todesfälle in Nevada (PMID 34091497)
  5. Oberösterreichische Nachrichten, 1. 10. 2026
  6. MeinBezirk Tirol, 30. 9. 2026
  7. FDA: 7-OH Assessment (7/2025)
  8. gesundheit.gv.at – Vergiftungsinformationszentrale
  9. Verbraucherzentrale (Stand 19. 12. 2025)