Grundwissen · Inhaltsstoffe
Mitragynin – das Hauptalkaloid des Kratombaums
Mitragynin ist das wichtigste Alkaloid in Mitragyna speciosa. Wie es wirkt, warum es kein klassisches Opioid ist und trotzdem am Opioidrezeptor ansetzt, wie es im Körper zu 7-OH wird – und was über Toxizität und Vergiftungen bekannt ist.
Redaktion KratomblattStand: 7 Quellen
Wenn von „der Wirkung von Kratom“ die Rede ist, ist meistens Mitragynin gemeint. Das Molekül ist gut erforscht – und doch voller Überraschungen.
Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin
Das Kratomblatt enthält über 40 verwandte Alkaloide. Zwei stehen im Mittelpunkt:
- Mitragynin – das Hauptalkaloid. In thailändischen Herkünften bis zu 66 % der Alkaloide, in malaysischen etwa 12 %.
- 7-Hydroxymitragynin (7-OH) – im Blatt nur in Spuren (unter 2 % der Alkaloide, typischerweise 0,01–0,04 % der Trockenmasse), aber deutlich potenter. Ausführlich: 7-OH.
Weitere Alkaloide wie Paynanthein, Speciogynin und Speciociliatin kommen in Produkten in wechselnden Mengen vor.
Wie wirkt Mitragynin im Gehirn?
Eine Studie von Kruegel et al. (2016) zeigte: Mitragynin und 7-OH sind partielle Agonisten am menschlichen μ-Opioidrezeptor, kompetitive Antagonisten an κ- und δ-Rezeptoren – und G-Protein-bevorzugt: Sie rekrutieren β-Arrestin nicht. Die WHO bestätigte 2021 den partiellen Agonismus und nennt zusätzliche Bindungen an adrenerge, Serotonin- und Dopaminrezeptoren.
Ältere Profile (etwa der EUDA) sprechen noch von „vollen Agonisten“. Die neueren Daten sprechen für „partiell“.
Vom Mitragynin zum 7-OH: die Rolle der Leber
2019 zeigten Kruegel und Kollegen, dass Mitragynin in Lebermikrosomen von Mensch und Maus zu 7-OH umgebaut wird – vor allem durch das Enzym CYP3A4. Bei Mäusen erklärte das so entstandene 7-OH den Großteil der schmerzhemmenden Wirkung. Beim Menschen sank nach Gabe des CYP3A4-Hemmers Itraconazol die 7-OH-Spitzenkonzentration um 56 % (zitiert nach FDA 2025). Das ist auch der Grund, warum Wechselwirkungen bei Kratom ein ernstes Thema sind.
Mitragynin: Nebenwirkungen und Toxizität
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fasst Fallberichte zusammen: Leber- und Nierenschäden bis zum Multiorganversagen, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle, Verwirrtheit, Halluzinationen, Rhabdomyolyse, Lungen- und Hirnödeme. Die meisten Todesfälle betrafen Mischkonsum. Den Gesamtüberblick gibt der Beitrag Risiken und Nebenwirkungen.
Mitragynin-Extrakt, Isolat, Kapseln, Liquid
Im Handel finden sich neben Pulver auch Extrakte mit angegebenen Mitragyningehalten, Tabletten, Kapseln, Liquids und Gummies. Analysen fanden in Produkten 0,7 bis 38,7 % Mitragynin. Was die Formen unterscheidet und warum Gummies, Sirupe oder Liquids in Österreich unter das Lebensmittelverbot fallen können: Pulver, Tabletten, Extrakt. Dosierungsangaben machen wir nicht.
Häufige Fragen
Mitragynin – was ist das?
Mitragynin ist ein Indolalkaloid und der mengenmäßig wichtigste Wirkstoff im Kratomblatt. In thailändischen Herkünften macht es bis zu 66 % der Gesamtalkaloide aus, in malaysischen nur etwa 12 % (EUDA).
Ist Mitragynin ein Opioid?
Chemisch ist Mitragynin kein Opioid aus dem Mohn, sondern ein Indolalkaloid. Pharmakologisch wirkt es aber als partieller Agonist am menschlichen μ-Opioidrezeptor (Kruegel et al. 2016; WHO 2021). Zusätzlich bindet es an adrenerge, Serotonin- und Dopaminrezeptoren.
Wie wirkt Mitragynin?
Mitragynin aktiviert den μ-Opioidrezeptor nur teilweise und hemmt κ- und δ-Rezeptoren. Ein großer Teil der schmerzhemmenden Wirkung bei Mäusen geht auf 7-OH zurück, das in der Leber aus Mitragynin entsteht (Kruegel et al. 2019). Heilversprechen leiten wir daraus nicht ab.
Was bedeutet Mitragynin-Toxizität?
Toxizität beschreibt, ab wann und wie ein Stoff schadet. Für Kratom sind Fallberichte zu Leber- und Nierenschäden, Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen und Todesfällen dokumentiert – fast immer zusammen mit anderen Substanzen. Einen gesicherten Grenzwert, unterhalb dessen Kratom unbedenklich wäre, gibt es nicht.
Was tun bei einer Mitragynin-Vergiftung?
Bei Verdacht auf eine Vergiftung: in Österreich die Vergiftungsinformationszentrale anrufen, 01 406 43 43 (rund um die Uhr, berät auch zu Sucht- und Genussmitteln). Bei Atemnot, Bewusstlosigkeit oder Krampfanfall sofort die Rettung 144.
Ist Mitragynin legal?
In Österreich ist Mitragynin kein Suchtmittel; als Lebensmittelzutat ist es seit 1. September 2026 verboten. In der Schweiz ist es seit 2017 ein Betäubungsmittel, ebenso in mehreren EU-Ländern (siehe Europa-Überblick).