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Grundwissen · Faktencheck

Ist Kratom gesund? Was Tradition, Behörden und Studien sagen

Ist Kratom gesund – gegen Schmerzen, für Energie, für Konzentration? Was über die traditionelle Verwendung in Südostasien bekannt ist, warum Kratom in Österreich weder als Arzneimittel noch als Lebensmittel zugelassen ist und welche Risiken belegt sind.

Redaktion KratomblattStand: 9 Quellen

Kratomzweig mit Blütenköpfen und ein Mörser
Kratomzweig mit Blütenköpfen und ein Mörser · Aquarell: Kratomblatt

„Ist das gesund?“ – die Frage stellen Leserinnen und Leser bei Kräutern, Tees und Pflanzenpulvern ganz selbstverständlich. Bei Kratom lohnt es sich, sie in drei Teile zu zerlegen: Was sagt die Tradition, was sagen die Behörden, was sagt die Forschung?

Was die Tradition sagt

Kratom ist kein Erzeugnis der Wellness-Industrie. Die EU-Drogenagentur EUDA beschreibt eine lange Gebrauchsgeschichte in Südostasien:

  • Frische oder getrocknete Blätter wurden gekaut oder als Tee aufgekocht.
  • In niedrigen Mengen dienten sie dazu, Müdigkeit bei langer Arbeit zu überwinden.
  • In der Volksmedizin wurden sie gegen Durchfall und Husten verwendet und als Ersatz für Opium.

Diese Beschreibung ist eine historische und ethnologische – kein Wirksamkeitsnachweis. Der letzte Punkt sagt außerdem viel über die Wirkung: Ein Ersatz für Opium ist eine Substanz, die am selben System ansetzt.

Was die Behörden sagen

Österreich: Laut Konsumentenschützern des VKI ist Kratom weder als Arzneimittel noch als Lebensmittel zugelassen. Seit 1. September 2026 dürfen Lebensmittel mit nicht herkömmlichen psychoaktiven Stoffen nicht mehr in Verkehr gebracht werden – das Gesundheitsministerium nennt Kratom ausdrücklich. Und das Österreichische Lebensmittelbuch führt den Kratombaum in Kapitel B 31 unter den Pflanzen, die für Tee nicht verwendet werden.

Deutschland: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hielt im Juli 2025 fest, dass Kratom kein zugelassenes Arzneimittel ist und Sicherheit sowie Wirksamkeit nicht ausreichend geprüft sind. Es verweist auf Berichte über Todesfälle, Abhängigkeit, Entzug sowie Leber- und Nierenschäden.

WHO: Der Expertenausschuss für Drogenabhängigkeit empfahl 2021, Kratom nicht international zu kontrollieren, sondern zu beobachten. Das ist keine Unbedenklichkeitserklärung: Für eine genaue Prüfung reichten die Daten nicht.

Kratom gegen Schmerzen?

Wir schreiben bewusst nicht, dass Kratom gegen Schmerzen „hilft“ – aus einem einfachen Grund: Es gibt keine Zulassung und keine klinischen Studien, die eine solche Aussage tragen würden.

Was bekannt ist, ist der Mechanismus. Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin wirken als Teilagonisten am μ-Opioidrezeptor, also an derselben Andockstelle wie klassische Schmerzmittel aus der Opioid-Gruppe. In Versuchen an Mäusen erklärte das in der Leber gebildete 7-OH einen Großteil der schmerzdämpfenden Wirkung von Mitragynin.

Gerade daraus ergeben sich die Probleme: Opioid-Wirkung bedeutet Abhängigkeitsrisiko. Und Kratom hemmt Leberenzyme, über die viele Medikamente – auch Schmerzmittel – abgebaut werden. Wer Schmerzen hat, braucht eine Diagnose und eine Behandlung, die geprüft ist. Mehr zu den Kombinationen unter Wechselwirkungen.

Kratom für Energie und Konzentration?

Die Frage knüpft an die Tradition der Feldarbeiter an. Die EUDA beschreibt die Wirkung als mengenabhängig: niedrige Mengen eher anregend, hohe (10–25 g getrocknete Blätter) eher dämpfend und opioidähnlich. Wo die Grenze liegt, lässt sich für ein Pulver aus dem Handel nicht sagen, weil der Wirkstoffgehalt je nach Erntezeit und Region stark schwankt.

Für eine Verbesserung der Konzentration haben wir keine belastbare Studie gefunden. Und Selbstbeobachtungen sind bei Kratom besonders unzuverlässig: In einer Untersuchung mit 644 Konsumentinnen und Konsumenten (Huisman et al. 2023) wurden die vom Marketing versprochenen Unterschiede zwischen „roten“, „grünen“ und „weißen“ Sorten berichtet – im Labor fanden sich keine signifikanten Unterschiede im Alkaloidgehalt. Ein Überblick über den Forschungsstand steht im Beitrag Wie wirkt Kratom?

Was belegt ist: die Risiken

Bei der Frage nach „gesund“ gehört die andere Seite der Waage dazu:

Risiko Befund
Abhängigkeit In Malaysia hatten von 293 regelmäßigen Konsumenten über die Hälfte eine schwere, 45 % eine mittelschwere Abhängigkeit (Singh et al. 2014).
Entzug Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit, Unruhe, Durchfall – laut WHO meist milder als nach Morphin.
Leber 26 Fallberichte plus weitere aus US-Datenbanken; meist nach rund drei Wochen, überwiegend Gallenstau mit Gelbsucht (Schimmel & Dart 2020).
Verunreinigung Salmonellen-Ausbruch in den USA 2018, Blei und Nickel in Produkten (FDA 2019).
Mischkonsum Bei den meisten dokumentierten Todesfällen waren weitere Substanzen beteiligt.

Details unter Risiken und Nebenwirkungen und Abhängigkeit und Entzug.

Die Antwort der Redaktion

„Gesund“ ist Kratom nach allem, was belegt ist, nicht. Es ist eine psychoaktive Pflanze mit langer Tradition, opioidähnlicher Wirkung und dokumentierten Risiken, die in Österreich weder als Arzneimittel noch als Lebensmittel zugelassen ist. Wer Kratom wegen Schmerzen, Erschöpfung oder Konzentrationsproblemen in Betracht zieht, sollte zuerst mit Ärztin oder Arzt sprechen – oder rund um die Uhr mit der Gesundheitsnummer 1450. Im Notfall: Rettung 144, Vergiftungsinformationszentrale 01 406 43 43.

Häufige Fragen

Ist Kratom gesund?

Dafür gibt es keinen Beleg. Kratom ist in Österreich weder als Arzneimittel noch als Lebensmittel zugelassen; das deutsche BfArM betont, dass Sicherheit und Wirksamkeit nicht ausreichend geprüft sind. Belegt sind dagegen Risiken: Abhängigkeit, Leberschäden und gefährliche Wechselwirkungen.

Hilft Kratom gegen Schmerzen?

Das können und wollen wir nicht versprechen. Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin wirken als Teilagonisten am μ-Opioidrezeptor, und in Tierversuchen ist eine schmerzdämpfende Wirkung beschrieben. Eine Zulassung als Schmerzmittel gibt es nicht – wer Schmerzen hat, gehört in ärztliche Behandlung, auch weil Kratom mit Schmerzmitteln gefährlich zusammenwirken kann.

Gibt Kratom Energie?

In Südostasien wurden Kratomblätter laut EU-Drogenagentur traditionell in niedrigen Mengen gekaut, um Müdigkeit bei langer Arbeit zu bekämpfen. Das ist eine historische Beschreibung, keine Empfehlung: Die Wirkung ist mengenabhängig und kann ins Dämpfende kippen, und regelmäßiger Konsum kann abhängig machen.

Verbessert Kratom die Konzentration?

Dazu haben wir keine belastbare Studie gefunden. Erfahrungsberichte sind wenig aussagekräftig: In einer Untersuchung berichteten Konsumenten Unterschiede zwischen Sorten, die im Labor nicht nachweisbar waren.

Quellen

  1. EUDA – Kratom drug profile
  2. Konsument (VKI): Kratom – Gesundheitsrisiko, 23. 10. 2025
  3. BfArM Pressemitteilung 09/25, 1. 7. 2025
  4. WHO 44th ECDD, Annex 1 (2021)
  5. Kruegel et al., ACS Cent Sci 2019 (PMID 31263758)
  6. Singh et al., Drug Alcohol Depend 2014 (PMID 24698080)
  7. Schimmel & Dart, Drugs 2020 (PMID 31919755)
  8. Huisman et al., IJERPH 2023 (PMID 37510657)
  9. Österreichisches Lebensmittelbuch, Kapitel B 31 (PDF)